Alfred Banze -Banyan Works1banyan-koernerGalerie am Körnerpark in Berlin, Germany, 10th August - 9th September 2007


Alfred Banze /// Ausstellung Körnerpark  2007 - 10. August
Eröffnungsrede von Reinhardt Knodt

Meine sehr verehrten Damen u. Herren, liebe Freunde,

Wenn in einer warmen Sommernacht die Grillen zirpen, dann stimmt uns das gelegentlich sehnsüchtig. Wir denken uns allerlei Geschichten aus, die in einer solchen Sommernacht passieren könnten und fühlen uns irgendwie verbunden mit dem All oder der großen Natur.

Wenn man nun Grillenlebendfutter in der Zoohandlung kauft, sie in Plastikkäseschachteln packt und zwei davon zu einer Art Kopfhörer zusammenbastelt, dann hat man einen typischen Kommentar des Künstlers Alfred Banze auf unsere Sehnsüchte, wie aber eben auch auf unser technisches Weltverhältnis. „Genau das sind wir!“, scheint uns Alfred Banze zu sagen. Heillos sentimentale Schwärmer, die in Filmen digitalem Grillenzirpen lauschen, während wir die Natur (sprich: die Tierchen) längst in eine Art Lebendfutter für unsere Zwecke verwandelt haben...

Alfred Banze  macht also aus unseren Träumen und Sehnsüchten einerseits und aus digitaler Technik andererseits Objekte die beide Seiten einer lustvollen, gelegentlich aber auch ernüchternden Erkenntnissen aussetzen. Gerade die Grillen nämlich.... – aber bei denen will ich jetzt nicht länger bleiben.

Ich begrüße Sie sehr herzlich, danke dafür, hier sprechen zu dürfen. Als ich selber Alfred Banze zum ersten Mal wahrnahm, sah ich ihn in einem Film über weltweite Paradiesmythen bis fast zum Hals in einem blütenbestreuten Teich sitzen und aus einem meiner eigenen Bücher etwas vorlesen. Die Szene hatte etwas derartig verzweifelt Komisches, dass sie all meinen Ansprüchen an die rätselhafte Arbeit zeitgenössischer Künstler entsprach und dass ich daher sofort wissen wollte, was das für ein Mensch sei. Nach und nach brachte ich Folgendes heraus:

I. Grundsätzliches

Alfred Banze ist geboren in der Nähe Kassels, dort wo die Märchen der Gebrüder Grimm zur örtlichen Folklore gehören, Rotkäppchen und der Wolf sich herumtreiben und wo in Fritzlar Bonifatius die germanische Welteiche gefällt haben soll. (Sie issen vielleicht, dass nach germanischem Mythos diese Welteiche Ygdrasil so konzipiert war, dass sie den Himmel stützte, dass oben die Götter und in den Wurzeln die Zwerge hausten, während der Mensch eine Zwschenstellung auf der Erde hatte. Als Bote diente ein Eichhörnchen, dass zwischen Menschen und Göttern umherkletterte) Gleich nach dem Abschluss des Kunststudiums nach Berlin gekommen, wurde Alfred Banze sehr schnell zum Weltreisenden. – eine Art „Research Artist“, der sich im Wesentlichen auf Sehnsüchte und Träume spezialisiert, diese aber mit unserem technischen Welt konfrontiert und dabei sozusagen den Alltag der Menschheit als das eigentliche Abenteuer nimmt. Er arbeitet zusammen mit Künstlern aus allen Erdtilen,  macht Workshops mit Jugendlichen, Alten Kranken, Gesunden, und bringt das, was entsteht,  von einem Ort der Welt zum andern. Er ist also auch eine Art Kunstbotschafter oder Kulturdolmetscher.

Seine Berliner „Wahlheimat“ ist Neukölln. Was ihn auszeichnet ist hier das Engagement für Projekte für die kaum Geld da ist, zum einen natürlich, weil man das Millionengeschäft der Kunst bekanntlich lieber mit der zum Bildung herabgesunkenen ehemaligen Kunst macht – zum anderen aber auch, weil das was er macht, vielleicht erst in Jahren  auf breiter Front als wichtig erkannt werden wird.

II. Zur Arbeit Alfred Banzes

Die zentrale Frage Alfred Banzes dürfte lauten:  Was passiert eigentlich, wenn die ältesten, bzw prinzipiellsten Träume und Fragen der Menschen, (als da sind: die Sehnsucht nach dem Paradies, die Frage nach dem Tod, die Frage nach dem Glück, die Vorstellung von der richtigen Liebe, Gerechtigkeit und Schönheit...)  mit den modernen technischen  Medien zusammentreffen? 

Die Methode, dieser Frage nachzugehen: Aufsuchen der Plätze wo dies direkt geschieht – also sogenannte „unterentwickelte“ Gebiete der ganzen Welt, in die die Technik von außen eingebrochen ist..  Ehemalige Kolonialgebiete, also Regionen, die jetzt entweder „boomtowns“ heißen oder „Problemzonen.“ (Wobei  vielleicht einzuflechten wäre, dass die Problemzonen der Welt rund 90 Prozent ausmachen und der american way of life nach wie vor das wahrscheinlichste Problem dieser Zonen ist, was ich hier nicht ausführen will).

Zu diesen Reisen gehört das an die Enteckerfahrten des 19. Jh. erinnernde Moskitonetz  mit dem Computerarbeitsplatz, dem Rucksack und dem Klappstuhl im Zentrum dieser ausstellung. Es ist ein Zusammenstellung, wie man sie vielleicht auch auf einem alten Foto im Naturhistorischen Museum in Berlin sehen könnte. Alfred Banze knüpft also auch bildlich an den Gestus der Entdeckungsreise. Er bringt seine Ergebnisse dabei von einem Ort zum nächsten, er verhält sich also nicht wie die Kolonialen Entdecker des 19. Jh. die alles hierher brachten. Er bringt vielmehr einen afrikanischen Traum nach Vietnam oder eine vietnamesischen Erzählung vom Paradies nach Berlin, tauscht  defekte koreanische Kofferradios gegen neue und hängt sie hier an die Wand, sammelt in Afrika Geschichten zum Paradies und erzählt sie in Südamerika.

II. Einige Projekte:

Wenn man die Konfrontation unserer Träume von einer schönen Welt und unserer technischen Fähigkeiten  an Objekten dieser Ausstellung erläutern sollte, könnte man zunächst auf zwei sinnreiche Apparaturen hinweisen:

A.  Eine Pumpe pumpt Wasser von einer Flasche in eine zweite, von dort läuft es den physikalischen Gesetzen gehorchend in die nächste und so im Kreis wieder in die Erste.

B. Ein anderer  Kreislauf ist konstruiert aus einem Staubsauger und einem Generator. Der erzeugte Strom, wird vom Staubsauger verbraucht, der Staubsauger führt dem Generator wieder Luft zu.

Tatsächlich wird in beiden Kreisläufen natürlich massenhaft Energie verschwendet. Man kann solche Anordnungen  als Kommentar zu dem schönen ökologischen Wort  Recyling lesen, das durch unsere Politiker gelegentlich für ähnliche Kreisläufe missbraucht wird. Oder auch zum Gedanken des Kreislaufs bei den sogenannten erneuerbaren Energien, in Kompostierungs- oder Plastikwiederverwendungsverfahren.  „Ich war ein Joghurtbecher“ steht auf einer  Parkbank, und wir denken, das Problem ist gelöst.  Tatsächlich wird oft genug jede Menge Energie verbraucht, nur um einen Kreislauf zu erhalten oder es werden gefährliche Prozesse verstärkt – etwa die Abholzung von Dschungelstrecken um Bio-Diesel herzustellen, was natürlich nur ganz Naive befriedigen dürfte.

Sehr wichtig erscheinen mir die Gruppe der eher poetischen Projekte – das Poetische Projekt schlechthin ist eine bepflanzte Schreibmaschine, alte vergilbte Tasten,  und statt des Typenfeldes ein Enzianblümchen. Der Enzian ist eine zu schützende Pflanze wie der deutsche „Dichter“ und seine Sehnsucht nach der blauen Blume natürlich längst auch. Nutzen tut er schon länger nichts mehr, aber es ist schön, dass er da ist, samt romantischer Sehnsucht.Wer dem Bedeutsamkeitsverfall der Literatur und Philosophie in den letzten 20 Jahren aktiv beigewohnt hat (wie ich selber), kann sich dieses wunderbare Stück bestens als Poster in der Berliner Autorenbuchhandlung vorstellen. Eine weitere eher poetische Apparatur ist der Atmosphärenmixer: Durch Hören an grünen Trinkröhrchen kann man verschiedene akustische Atmosphären-Erlebnisse haben und diese auch mischen, indem man sich unterschiedliche Röhrchen in beide Ohren  steckt. Man kann auf diese Weise einen atmosphärischen Mix etwa zwischen den Lauten eines vietnamesischen Marktes und denen einer afrikanischen Straßenkreuzung erzeugen. Da man normalerweise zu einer gehörten Atmosphäre ein Sehnsuchtsbild entwirft, entsteht beim Mix von Atmosphären nun eine Art ästhetischer „Begriff“ von „Welt“. Dass die aufgebaute Apparatur gleichzeitig die Karikatur einer Apparatur ist und den Menschen als verspielten Bastler angesichts wirrer Träume und Sehnschte enttarnt, gälte es noch zu beachten....  doch wenden wir uns stattdessen dem wichtigsten Projekt zu: Es heißt Banyan.

IV. BANYAN

Banyan ist der gebräuchlichste Name für eine Pflanze die wir unter dem Namen Ficus Bengalesis, gelegentlich auch ficus Benjamini kennen. Bei uns eine Topfpflanze, in  subtropischen und tropischen Gebieten eine Art Urgewächs, das Fußballfeldgroß und Stockwerkhoch gelegentlich die Erde mit dem Himmel zu verbinden scheint. Dieser Banyan wurde gelegentlich auch „Ficus religiosis“ genannt, und zwar deswegen, weil er ähnlich wie die schon erwähnte germanische Welteiche oder der indische Lotos eine Art Weltmittelpunktsmythos beherbergt. Alfred Banze ist für diesen Baum nach Tahiti, Neuseeland, Indonesien, Thailand, Laos, China, Indien, Togo, Benin, Ghana, Vietnam und Kambodscha gereist. Demnächst wird er dasselbe Gewächs in Brasilien aufsuchen. An den Zielorten seiner Reise recherchiert er, macht er Interviews, nimmt Filme auf, erzeugt  Situationen, in denen die nach wie vor sakrale Aura des Gewächses profaniert oder wenigstens durchbrochen wird. Die Fernsehrunde im vorderen Teil der Ausstellung muss man sich als Ergebnis eines solchen Versuches vorstellen. Zu sehen sind Teilnehmer eines Workshops, die sich in Bangkok rund um einen Banyan versammelt haben und Geräusche machten.  In dem Banyan wohnen nach Auffassung vieler Einheimischer nach wie vor die Selen der Ahnen, die durch die Geräusche eigentlich aufgeschreckt und verärgert werden müssten. Das Spiel mit der kleinen Angst ist zugleich das Spiel, das der Betrachter inmitten der Fernsehrunde erlebt...  

Ein letztes, ich würde versuchsweise sagen, philosophisch ästhetisches Stück sind sechs Stühle auf hölzernen Stelzen – auf denen sechs Projektoren Wald aus verschiedenen Weltteilen auf die jeweils gegenüberliegende Wandseite strahlen. Alfred Banze hatte den Wald schon im Visier, lange bevor ihn der Spiegel völlig unzutreffend zum Trend der zeitgenössischen deutschen Kunst ausgerufen hat   Wenn man durch die Reihe der Stühle hindurch ist, kann man auf einem Ruhebett an der Decke in die Wipfel verschiedener Urwaldbäume schauen, einer davon wieder der Banyan, von dem Buddha übrigens gesagt haben soll, während bei allen Bäumen die Energie entweder von unten nach oben oder von oben nach unten fließe, wäre es nun beim Banyan so dass sie in beide Richtungen gleichzeitig flösse...

Ich ende und überlasse Sie der sinnreich konzipierten Welt Alfred Banzes, die ja gewissermaßen global. Machen Sie eigene Entdeckungen und  kommen Sie später, wenn der Krach der Eröffnung vorbei ist, wieder her. Vielleicht geht es Ihnen dann wie mir und Sie halten die hier einkopierte Schleife des CNN Programms für das was sie wirklich ist, eine Form der Kriegserklärung  des technischen Raumes an eine Welt, in der unsere Träume und Ahnungen, und Wünsche und das, was wir wirklich lieben,  seltsam wirr und unbeachtet und damit auch immer gefährdeter wird. Alfred Banze reist durch die Welt und gräbt auf, was die Medien vernachlässigen. Er fragt nach unseren Vorstellungen vom Paradies oder nach den Märchen, die wir uns vom Banyan Baum erzählen. Er trägt diese Erzählungen, Atmosphären, Geräusche und Filme durch die Welt und schafft damit sinnreiche Projekte, angesichts derer wir bemerken, dass wir das Wichtigste beinahe vergessen hätten. 

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit